Die Beginen und ihr spiritueller Impuls

Der Text über das Leben und Wirken der Beginen von Birgit Stoll ist in dem Sammelband "Lebenskunst" veröffentlicht. Dieser gibt einen Einblick in die Kulturarbeit des SusoHaus Überlingen. Das Buch ist hier erhätlich.

 

von Birgit Stoll (C)

 

Die Ursprünge der Beginenbewegung liegen im 12. Jahrhundert, und nach ihrem völligen Verschwinden wurde die Beginenbewegung in unserer Zeit seit etwa 1985 durch verschiedene Initiativen neu belebt. Beginen waren die ersten ‚privat‘ organisierten Helferinnen und Pflegerinnen, die dazu ihren Dienst freiwillig und unentgeltlich angeboten haben. Was trieb diese Frauen an und aus welchen Quellen schöpften Beginen? 

 

Auf diesem Bild von Albrecht Dürer ist nicht nur ein unverwechselbares Antlitz abgebildet, sondern auch das typische Habit einer Begine – mit Haube und Schleier. Im Mittelalter war es wie auch im gesamten Altertum – üblich, dass Frauen wenn sie verheiratet waren eine Kopfbedeckung trugen. Die Frau war dann ‚unter die Haube gekommen‘. Auch Frauen, die eine religiöse Lebensform wählten, die also in ein Kloster eintraten, trugen ab diesem Zeitpunkt ihren Kopf bedeckt – sie ‚nahmen den Schleier‘ – das ist auch eine Redensart, die man heute noch kennt. Unser Brautschleier ist ein Relikt aus dieser Zeit. Für Frauen des Mittelalters gab es nur diese beiden Lebensformen - Schleier oder Haube - Kloster oder Ehe. Meist entschieden die Eltern.

 

Beginen eröffneten noch einen dritten Weg: Sie versammelten sich zu religiösen Gemeinschaften, die in Form einer Laiengemeinschaft in der Welt lebten und wirkten. Frauen aller Klassen und Stände schlossen sich zu religiösen, ordensähnlichen Haus- und Lebensgemeinschaften zusammen, es gab Regeln und Gebetszeiten, aber kein bindendes Gelübde. Jede Begine konnte, wenn sie wollte, den Konvent verlassen, heiraten oder eine andere Lebensform wählen. Diese meist adeligen oder bürgerlichen Frauen lebten von Spenden und Zuwendungen oder aber von der Handarbeit, und sie haben neben dem Dienst am Nächsten ein Handwerk zum Broterwerb ausgeübt: je nach Begabung haben sie Bier gebraut, Textilien, Gürtel oder Seife gefertigt, sie waren Mägde, Wäscherinnen oder auch Lehrerinnen. Es gab kaum einen Handwerksberuf, in denen Beginen nicht tätig waren. In den Städten waren Beginen vor Allem wegen ihrer sozialen Tätigkeit in der Armen- und Krankenpflege eine geschätzte und wichtige Bevölkerungsgruppe. Ungefähr 3% der Bevölkerung waren Beginen.

 

Die ersten Beginen lebten in ihren Familien oder in ihren eigenen Häusern. Es gab auch wandernde Beginen, und Einsiedlerinnen - aber die meisten schlossen sich zu Hausgemeinschaften zusammen die oft in unmittelbarer Nähe der Spitäler entstanden. Später bildeten sich ganze Siedlungen - in Belgien sogar große Beginenhöfe als eigene Stadtviertel, die durch Mauern, Gräben oder Wälle abgetrennt waren und den Beginengemeinschaften Schutz boten. Man fürchtete unliebsamen Besuch – denn Frauen, die niemandem angehörten außer sich selbst, waren im Mittelalter ein ungewohnter Umstand. Vielmehr als ein Leben in äußerer Unabhängigkeit war das Ziel der Beginen eine freilassende Ausübung ihrer eigenen Spiritualität. Viele große Mystikerinnen entstammten den Beginenhöfen, und es gab Beginen, die predigten oder Bücher schrieben - was für Frauen damals ungewöhnlich – ja sogar verboten war.

 

Das Mittelalter ist eine Zeit des allgemeinen religiösen Aufbruchs. Die Menschen entdeckten erstmals die Dimension des eigenen Herzens, und die Relevanz ihrer eigenen Person in der Ausübung von Religion. Der mittelalterliche Mensch wurde seines Selbst gewahr – die Geburtsstunde der Individuation. Bis zum Beginn der Neuzeit war der christliche Glaube in Europa – wenn auch in verschiedener Interpretation – einheitliche Weltsicht.

Die Scholastik und auch die Mystik erlebten Aufschwung und Blüte, und in vielen Klöstern bildeten sich Reformbewegungen, die dem wachsenden Ernst des innerlichen Weges gerecht werden sollten. Die Entdeckung der persönlichen Herzensdimension wurde nicht nur dem geistlichen Menschen, sondern auch Laien in der Bevölkerung zu Teil.  Vor allem Frauen kamen zu einem neuen Bewusstsein ihrer selbst und ihrer Spiritualität und sie strömten zahlreich in die Klöster. Aus Männerklöstern mit kleinem Anhang, in dem die Frauen ‚eingemauert‘ wurden – als Inklusen - wurden große Doppelklöster, dann gründeten sich die ersten Frauenklöster, und es wurden immer mehr – trotzdem konnten hier nur Frauen aufgenommen werden, wenn sie eine Mitgift aufbringen konnten. Besonders der Prämonstratenser Orden bemühte sich um die Integration der vielen zuströmenden Frauen, die damals noch nicht Beginen, sondern Konversen genannt wurden. Sie siedelten in der Nähe der Spitäler, die den Prämonstratensern angeschlossen waren und widmeten sich der Armen- und Krankenpflege. Ganz schlagartig beschloss der Orden um 1240, keine weiteren Frauen aufzunehmen und trennte sich wenig später – offenbar überfordert – von seinem weiblichen Zweig:

„Da es auf der Welt nichts gibt, was in seiner Schlechtigkeit den Frauen gleichkommt, und das Gift von Vipern und Drachen dem Mann weniger schadet als ihre Nähe, verkünden wir hiermit, dass wir zum Wohle unserer Seele, unseres Leibes und unserer Besitztümer von nun an keine Schwestern mehr in unseren Orden aufnehmen und uns von ihnen wie von wildgewordenen Hunden fernhalten.“

 

Als diese Worte geschrieben wurde, waren etwa 10 000 Frauen dem Orden angeschlossen und es blieb ihnen nun nichts anderes übrig, als sich selbst zu organisieren. Es bildeten sich Gemeinschaften von Frauen an allen Orten Europas, die – vor allem in Belgien und Nordfrankreich rasch zu großen Beginen-Höfen anwuchsen.

Die etymologische Herkunft der Bezeichnung ‚Begine‘ konnte bis heute nicht richtig geklärt werden, es gibt aber verschiedene Vermutungen über den Ursprung des Namens: Möglicherweise ist es eine spöttische Bezeichnung für auffallend fromme Frauen des Zisterzienserordens. Verschiedenste Bezeichnungen gab es auch in anderen Ländern: Frankreich nannte sie Papellarden (falsche Priesterinnen), in Deutschland hießen sie auch Coquenunne (scheinheilige Nonne) – in Italien Bizoken (Mitglieder papstfeindlicher Sekten) – in der Lombardei Humilitaten (Demütige), in Spanien Beatae (Selige).  Während der Name Albigenser eine Ketzerbewegung bezeichnet, bedeutet Benigna: ‚die für das Gute brennt‘.  Das Wesen der Beginenbewegung war vollkommen neu und begrifflich nicht zu fassen.

 

 

Entwicklung der Gesellschaft während des Mittelalters                                  

Während des gesamten 12. und 13. Jahrhunderts befand sich Europa in einem bis dahin unbekannten wirtschaftlichen Aufschwung. Handwerkliche Produktion und Handel nahmen unaufhörlich zu. Die Bevölkerung wuchs. Kleine Dörfer entwickelten sich zu wohlhabenden Städten. Getragen wurde dieser Fortschritt von stetigen Verbesserungen in der Landwirtschaft. Man rodete Wälder, um Raum für Ackerland zu gewinnen. Mit neuen Technologien konnte man Sümpfe trockenlegen und sonst ungeeigneten Boden mit Gewinn bewirtschaften. Begünstigt wurde dies durch das milde Klima: Im hochmittelalterlichen Europa war es wärmer als heute; so war es möglich, in Ostpreußen Wein anzubauen. Darum waren das 12. und 13. Jahrhundert geprägt von Wachstum und Wohlstand; materiell und kulturell. Die gesellschaftlichen Umwälzungen und rasch steigende Bevölkerungszahlen trafen sich mit geistigen Erneuerungsbewegungen. So war der Minnesang als neue literarische Gattung und die neue Blüte in der Mystik Ausdruck eines wachsenden innerlichen Lebens. Reformen des geistlichen Lebens und der Klöster, die Gründung der Universitäten und mit ihnen die Scholastik waren Merkmal einer anspruchsvollen Auseinandersetzung mit Begriffen und Inhalten des geistigen Lebens. Die Züchtung und Weiterentwicklung unserer heute bekannten Kulturpflanzen sind ebenfalls eine Errungenschaft der mittelalterlichen Klöster.

 

Nach 1300 waren die Grenzen des Wachstums erreicht. Das 14. Jahrhundert war das Krisenjahrhundert des Mittelalters. Deutschland hatte rund 15 Millionen Einwohner. Hungersnöte, Teuerungen, politische Unsicherheiten schürten die Angst vor allem und vor jedem. Das hat sich später in der Inquisition niedergeschlagen. Die Katastrophe brach 1347 herein. Seeleute hatten sich mit Pestbazillen angesteckt und schleppten die Lungenpest in die Hafenstädte am Mittelmeer. Von dort breitete sich immer wieder eine Pestwelle über ganz Europa aus. In weniger als 40 Jahren starben 20 Millionen Europäer an der Pest. Kranke Menschen wurden in geeignete Regionen außerhalb der Stadtmauern gebracht und lebten ohne Versorgung, Haus und Dach. An den Orten, an denen sich Kranke aufhielten, haben sich einzelne oder auch mehrere Beginen niedergelassen, um Krankenpflegestationen aufzubauen und den Kranken zu helfen.

 

 

Wandel des Christusbildes

Der christliche Glaube war die Grundlage aller Kultur im Mittelalter, und es war üblich, die Welt und sein eigenes Leben auf Gott hin geordnet zu begreifen. Dementsprechend wandelte sich das Christusbild.  Im Altertum wurde Christus zunächst als weisheitsvoller Lehrer und später als ‚der gute Hirte‘ betrachtet. Während des frühen Mittelalters wandelte sich das Bild zur Erhabenheit Christi als dem König und Weltherrscher – dem Pantokrator als sonnengleicher Mittelpunkt der Welt. Während des 13. Jahrhunderts verkehrte sich mit dem Einbruch der Pest und dem Verfall des städtischen Lebens dieses Bild in sein Gegenteil: Christus wurde zum Symbol des Leidens und Sterbens am Kreuz. Die Passion trat im Spätmittelalter in den Vordergrund. Die imitatio Christi (Nachahmen und Nachfolgen des Vorbildes Christi) bestand zunächst in einer Betrachtung der Leiden und Schmerzen. Der Mensch des Mittelalters näherte sich Gott entweder mit dem Herzen, in klösterlicher Einkehr, oder aber man versuchte an den neu gegründeten Universitäten dem Geheimnis Gottes näherzukommen. In scholastischer Weise erörterte man theologische Fragen auf intellektuellem Wege. Es wurde gefragt, ob sich Gott dem Menschen mehr in der Liebe, oder aber mehr in der Erkenntnis zeigt und offenbart. Es war eine grundlegende Frage in der Theologie des Mittelalters: Soll der Mensch auf seinem Weg der Gottesliebe, oder aber der Gotteserkenntnis den Vorrang geben?

 

 

Beginen: Liebende und Erkennende                                                        

Beginen entstammten zumeist aus gebildeten Schichten, sie lebten und wirkten aber mitten in der Bevölkerung. Zum einen waren Beginen tätig in selbstlosem sozialem Engagement und im Liebesdienst an ihren Mitmenschen. Zudem waren sie zwischen Bevölkerung und geistlichem Stand Mittlerinnen des Austausches und auch Motor der Entwicklung von Kultur: Breitere Bevölkerungsschichten hatten in den von Beginen betriebenen Schulen Zugang zu Kultur und Bildung – besonders Mädchen, die von allgemeinen Bildungseinrichtungen ausgeschlossenen waren.  Auch viele adelige Familien gaben ihre Töchter in die Beginenhäuser zur Erziehung, denn – welchen Weg auch immer sie gehen sollten, den klösterlichen oder den der Ehe – die Erziehung durch Beginen wurde in jedem Falle als vorteilhaft empfunden.

In dieser Zeit erschienen die ersten geistlichen Texte in der Volkssprache, anstatt wie üblich auf Latein. Geistliche und zunehmend auch Laien und eben Beginen, verfassten Bücher und Gedichtbände, die ihre Gotteserfahrungen zum Thema hatten. Dies waren die ersten geistlichen Dokumente in ihrer jeweiligen Landessprache. Neu war auch die  Übersetzung von Teilen der Bibel in die deutsche, oder andere europäische Sprachen – vorher konnte man sie nur auf lateinisch lesen.  oder die Einführung eines Predigt-Teiles in den Gottesdienst, der sonst allein durch die lateinische Liturgie geprägt war. An diesen Neuerungen hatten Beginen einen nicht unerheblichen Anteil: Maria von Oignies - eine der ersten Beginen - veranlasste ihren geistlichen Freund Jakob von Vitry zum predigen des Evangeliums in der Volkssprache. Die Predigt, dessen Wert von Maria von Oignies klar erkannt wurde, konnte dem Bedürfnis des Volkes nach Klärung in Lebens- und Glaubensfragen gerecht werden.
 

Jakob von Vitry hat um 1220 eine mündliche Erlaubnis des Papstes erwirkt, Beginengemeinschaften zu gründen und zu betreiben. Seit diesem Zeitpunkt breitete sich das Beginenwesen rasant über ganz Europa aus. Von dem kulturellen Austausch profitierte nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Klosterbrüder selbst, welche mit der geistlichen Begleitung und Betreuung der Beginen beauftragt waren. Sie erfuhren neue Impulse: Die berühmten Deutschen Predigten Meister Eckharts, stießen bei den Beginen auf gebildete Ohren und somit auf fruchtbaren Boden. Das hat sich wiederum in der Entwicklung und Vertiefung seiner eigener Spiritualität ausgewirkt, auch und gerade aufgrund des Hinzunehmens der weiblich geprägten Wesensart in sein eigenes Denken. So beeinflusste die französische Begine Marguerite Porete Eckhart gerade in seinen kühnsten Gedanken – stellenweise bis in den genauen Wortlaut. Das war neu in der sonst von Männern dominierten Kirche. Wo dieses weibliche Element – Hingabe, Liebe, Verbindlichkeit - zugelassen wurde, befruchtete es durch seine andersartigen und neuen Impulse das spirituelle Leben der Mönche und das Geistesleben im Allgemeinen. Diese Tatsache kann ohne Umschweife in die heutige Zeit übertragen werden – wenn das gesellschaftliche Leben heute lebendiger und zukunftsfähig gestaltet werden soll, ist es unerlässlich, der weiblichen Seinsqualität öffentlich und gesellschaftlich relevante Position zuzumessen. Das geschieht schon, und zunehmend gelingt es auch, die spezifisch weiblichen Qualitäten zum Tragen kommen zu lassen. 

 

Franziskanische Spiritualität

Es gibt kaum ein Ereignis, das sich so prägend auf die christliche Lebenswelt ausgewirkt hat wie die Ordensgründung des heiligen Franziskus. 1210 wird die Ordensregel der kleinen Gemeinschaft um Franziskus vorläufig anerkannt und findet dann rasch europaweite Verbreitung.

Das Geistesleben der Franziskaner strebt ein Leben an, das den Aufruf zur Nachfolge Christi verwirklicht. Aber nicht in Form des Leidens. Franziskanische Lebensart bedeutet, in materieller und geistiger Armut einfach nach dem Evangelium zu leben und dessen Impuls praktisch und konkret umzusetzen. Es sind die Ideale der frühchristlichen Urkirche, denen Franziskus neues Leben einhaucht. Dieses ist auch der Boden, auf dem das Beginenwesen wächst und gedeiht.

 

Tatsächlich schlossen sich viele Beginengemeinschaften des ausgehenden Mittelalters später, während der Zeit der Inquisition, als das eigenständige Leben dann doch zu gefährlich wurde, der sogenannten ‚Franziskanischen Gemeinschaft‘ an, das ist der dritte Orden der Franziskaner. Dieser Drittorden der Franziskaner bildet sich aus klosterähnlich zusammengeschlossenen Gemeinschaften - wie es Beginen sind - und als weltlicher Zweig aus Laien. In erster Linie sind deren Mitglieder, die Terziaren,  im sozial-karitativen Bereich tätig.

Die franziskanischen Tugenden sind die grundlegenden Tugenden jedes geistlichen Lebens – auch der Beginen. Beginen sind für uns heute noch interessant, weil es die ersten Laien sind, die eine eigene und freie Form des geistlichen oder spirituellen Lebens wagen. Die Geschichte zeigt, dass alles, was ehemals dem geistlichen Stand vorbehalten war, zum nach und nach allgemeinen Gut wird und allen Menschen im Alltag zur Verfügung steht.

 

Im Altertum gab es Tempel, Altäre, Schreine für die Götter - während die Menschen in Zelten hausten und sich zum Essen am Boden niedergelassen haben. Heute aber leben alle in Häusern aus Stein, wie es in der Nomadenzeit nur Tempel waren, wir essen vom Tisch und sitzen auf Stühlen – deren Vorläufer  Altäre und Throne waren. Wir bewahren unsere Gegenstände in Schränken auf, wo früher nur das Allerheiligste aufgehoben wurde. Noch während des Mittelalters konnten ausschließlich Geistliche Lesen und Schreiben, heute lernt es jedes Kind. Bücher gab es nur in Klöstern, dank der modernen Technik kann heute jeder nicht nur alle Bücher lesen, sondern auch Bücher schreiben.

Als Nächstes müssten wir vielleicht lernen, uns auch außerhalb von Klostermauern um die Ethik einer spirituellen Praxis im Alltag zu bemühen. Von den franziskanischen Tugenden, wenn sie von ihrem ursprünglichen Kern her verstanden werden, kann jeder etwas in seinem Leben verwirklichen, ohne sich aber an ein Gelübde binden zu müssen.

 

 

Die franziskanischen Tugenden 

Armut, Gehorsam und Keuschheit ist Bestandteil jeder klösterlichen Praxis – und es sind auch die Grundlagen des Beginen-Lebens.

  

Franziskanische Tugenden im Alltag 

Armut bedeutet im Grunde eine Einfachheit der Lebensweise, eine Solidarität mit Anderen. Das man sich nicht im Übermaß selbst nimmt, was Anderen nachher fehlen könnte.                                                                   

Armut bedeutet aber auch geistige Armut: Eine Sorgsamkeit im Denken, Vermeiden von unbewussten Denk- und Vorstellungsmustern, überflüssigen Gedankenspiralen – Geistige Armut bedeutet auch eine Beschränkung und Auswahl von Informationen und die Pflege einer inneren ‚Abgeschiedenheit‘.

Dann erst kommt es zu einer Stille, in der erst ein wirkliches hören möglich wird:

Gehorsam – kommt von Hören: hören ist nur in der Hingabe möglich – Hingabe an das Leben oder die Gemeinschaft von Menschen – Es ist das ist das Gegenteil von Eigennutz oder Eigenmacht. Auch kann Gehorsam bedeuten, auf die innere Stimme hören zu lernen.

Keuschheit – bezieht sich nicht nur auf die Beziehungen zu anderen Personen, wo Keuschheit strenggenommen Verbindlichkeit bedeutet – man kann nicht zwei Herren dienen. Keuschheit hat aber auch mit dem Verhältnis zu sich selbst zu tun: Alles, was lediglich auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse abzielt, ist nicht ‚keusch‘. Letztlich bedeutet Keuschheit: Achtsam zu lieben! Das heißt, den Anderen nach Möglichkeit unabhängig vom eigenen Bedürfnis wahrzunehmen und zu achten. Wie können wir uns die Innenwelt beginischer Praxis vorstellen? Zum Glück haben Beginen Bücher geschrieben. Alle diese Bücher handeln von der Minne – von der Liebe. Im Mittelalter hat man neben der eigenen Individualität auch die persönliche Liebe – die Minne - entdeckt und besungen. Beginen haben vor allem die Gottesliebe thematisiert, die die Grundvoraussetzung zur Nächstenliebe ist und in ihren schriftlichen Werken beschrieben. Die ersten geistlichen Bücher in der Volkssprache verfassten Beginen, ihre Schriften handeln vom Wirken der Liebe, von persönlicher Gotteserfahrung und von der Erkenntnis und der Verwandlung der eigenen Seele durch Gott und in der Liebe und durch die Liebe. 

Wie wir sehen werden ist die Tugendhaftigkeit, die Gutheit in der Nächstenliebe nicht das Endziel, sondern erst der Anfang des Weges. Es geht also nicht darum, gute Werke zu tun, sondern um existenzielle innere Wandlung. Am Ende wird der Mensch selbst zur Quelle. 

 

 

Berühmte Beginen und ihre Werke und Wege 

Eine der ersten bekannten Beginen ist Hadewijch, Mitte des 13. Jahrhundert hat sie in Antwerpen, heute in Belgien, gelebt. Sie hat Gedichte, Briefe und Lieder hinterlassen. Sie beschreibt ihre essentielle Gotteserfahrung – er zeigt sich ihr inmitten ihrer eigenen Seele:                                                                                                                                       

„Wenn die Seele allein steht in der uferlosen Ewigkeit, weit geworden, gerettet durch die Einheit, die sie aufnimmt, dann wird ihr etwas Einfaches enthüllt, das Unaussprechliche, das reine und nackte Nichts.“ 

 

Beatrijs von Nazareth  lebte in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Flandern. Sie beschreibt in ihrem Buch ‚Die sieben Arten der Liebe‘ den Weg der Seele zu ihrem eigenen Ursprung: Der Weg beginnt mit der Selbsterkenntnis als erstem Schritt. Die Seele wird sich ihrer Gottesebenbildlichkeit bewusst: in einem bildlosen, reinen Selbstbewusstsein. Bildlos bedeutet frei von Vorstellungen.

Am Anfang des Weges steht auch das tugendhafte Leben, das Gute tun. Die Tugendhaftigkeit wird begleitet von einer unstillbaren Sehnsucht nach Ein-Sein. Schließlich rennt die ‚umherirrende Seele‘ in den  ‚Minneorkan‘  - Die atemberaubende Urkraft der Liebe wird erfahren.

In den nächsten Schritten folgen der ‚Absturz‘, das Sich über-lassen, der Sturz in die Dunkelheit der Unwissenheit. Das Eigenwerk der Vernunft wird fallengelassen – die Seele öffnet sich dem Nichtwissen, der Leere, dem Nichts. Damit verbunden ist die Überwindung des Eigenwillen: Die Seele muss einige liebgewonnene Gewohnheiten aufgeben und zurücklassen. Bleibende Verwundungen zeugen von der Verwandlung der Seele. Die Seele wirkt nun nicht mehr aus sich heraus, aus ihrem beschränkten Eigen- Sinn, sondern ist Eins geworden mit dem Willen Gottes und wirkt demnach im Sinne des Ganzen. Das ist das Ziel der Übung und des Sich-Lassens. Zum Schluss kommt die Seele in eine ruhende Ordnung und innere Freiheit. Der eigene Wille ist eins geworden mit Gottes Willen und dann breitet sich ein tiefer Friede in der Seele aus.

 

Während Beatrijs von Nazareth die Psychologie dieses Seelenweges beschreibt, ist Marguerite Porete eine Philosophin, die den Erkenntnisweg der Seele beschreibt. Sie lebte in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts und schrieb ihr Buch: „Der Spiegel der einfachen Seelen“ – weswegen sie 1310 in Paris den Feuertod sterben musste.

 

Marguerite Porete kommt, wie Augustinus, zu dem Schluss:

„Liebe, und dann tue was du willst“

Die Seele, die sich selbst ganz in Liebe umwandelt, erlangt Freiheit und sie ist „im Nichts befestigt.“ Auf den ersten Schritten des Weges werden die Gebote Gottes in ihrer Tiefe betrachtet und mit aller der Seele möglichen Unbedingtheit eingehalten. In der zweiten Stufe geht die Seele über die für jeden Menschen verbindlichen Gebote noch hinaus und sie folgt dem Beispiel und dem Vorbild Jesus Christus. Hier lebt die Seele sozusagen eine Tugendhaftigkeit für Fortgeschrittene.

Dann beginnt das Sterben des Eigenwillens. Mit wachsender Einsicht in die eigene Unvollkommenheit wird das eigensüchtige Anhangen an Tugenden und an sogenannte gute Werke bekämpft. Es soll die Knechtschaft der Seele überwunden werden, die mithilfe von eigener Leistungskraft Lohn zu erwirtschaften trachtet. Die Tugenden werden losgelassen, die eigene Klugheit, Gutheit und alle weiteren Kräfte der Seele, die sich nun lediglich als Vehikel gezeigt haben, um zum  Eigentlichen zu gelangen:

Das Tal der Demut an Tiefe weiter durchmessend sinkt sie hinunter in die Bodenlosigkeit grundlosen Dunkels, und wagt sich in die Finsternis des Nichtwissens und Nichtwollens vor. Gerade in dieser Finsternis, die aus dem Verlöschen des eigengewirkten Geisteslichts herrührt, kann die Überhelle des wahrhaft lebendigen Lichtes erfahren werden, die eine durchsichtige Klarheit in der Seele bewirkt. „Und eine solche Seele, die zu Nichts geworden ist, hat alsdann alles, und wenn sie nichts hat, will sie alles und will nichts, sie weiß alles und weiß nichts.“ (Kap. 7)

Trotz diesem Fall in die Dunkelheit und in das Nichts, welches Alles ist, kann die Seele sich noch nicht vollständig als dieses Alles wiederfinden. Im grundlosen Dunkel der Demut ist sie sich selbst blind geworden, sie sieht also weder sich selbst, noch auch erblickt sie Gott -- Er bleibt noch verborgen aufgrund seiner überhohen Erhabenheit.

Aber: Gott kann sich nun selbst sehen. Er schaut sich selbst in dieser Seele wie in einem gereinigten Spiegel, und es ist nichts weiter zu sehen als nur Gott allein. Wenn die Seele sich so vernichtigt und aus allen Umklammerungen des Eigenseins gelöst hat, dann ist die Seele vollkommen frei und „im Nichts befestigt.“

 

Mechthild von Magdeburg  (1207 - 1282) schließlich ist Dichterin. Ihr Buch heißt: „Das fließende Licht der Gottheit“ und sie beschreibt denselben Prozess der Einung der Seele mit Gott in dichterischer Form:

Du leuchtest

in meiner Seele wie die Sonnen

auf dem Golde.

Wovon bist du gemacht, oh Seele, dass du so hoch steigest über alle Kreaturen,  und mengest dich in die heilige Dreifaltigkeit  und doch ganz in dir selber bleibst.

Der Fisch kann im Wasser nicht ertrinken,

der Vogel in den Lüften nicht versinken,

das Gold ist im Feuer nicht vergangen,

denn es wird dort Klarheit

auf leuchtendem Glanz empfangen.

Gott hat allen Kreaturen das aufgegeben,

dass sie ihrer Natur gemäß leben.

Wie könnte ich deiner Natur widerstehen? (...)

Ja, und ich fragte ihn wohl, wann wir gehen in die Blumen der heiligen Erkenntnis, und bitte ihn voll Verlangen, dass er mir die spielende Flut aufschließt, die in der Heiligen Dreifaltigkeit fließt, von welcher die Seele allein lebt.“     

 

 

Die Liebe (Caritas)

Anhand dieser Zeugnisse wird deutlich, dass nicht nur die gute Tat, sondern auch die Erkenntnis in der Liebe gründet. Die Wahrheitssuche, die innere Einheit der Person, die Einheit mit der Welt und mit Gott, das Verstehen – all das ist nur durch und in der Liebe möglich. Grundlage und Ursache für das Wirken der Beginen ist das Liebesgebot des Neuen Testaments, es beruht auf dem Jesus-Wort: Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Markus 12, 30-31;  Mat. 22, 37 f)                                                                                                   

 

Als eine Vordenkerin der Beginenbewegung beschreibt Hildegard von Bingen bereits Mitte des 12. Jahrhunderts in ihrem Buch Scivias - Wisse die Wege  (Bild) eine Himmelsleiter mit den ‚Werkleuten Gottes‘, den sieben Tugenden: Demut, Liebe, Gottesfurcht, Gehorsam, Glaube, Hoffnung, Keuschheit. Sie sind verbunden mit den drei Gestalten auf der Mitte der Leiter: dem Geist der Weisheit und Einsicht, des Rates und der Stärke, der Erkenntnis und der Frömmigkeit, und dem Geist der Furcht des Herrn.

    

Die Person mit dem Schal ist die Liebe (caritas).

Hildegard von Bingen schildert sie als hyazinthfarben: das ist ein durchsichtiges lila-blau. Sie ist die Repräsentantin des Himmels auf Erden. Die Liebe trägt einen Schal, so beschreibt Hildegard, der mit Edelsteinen geschmückt ist, was auf seinen übergroßen Wert hinweist, der das Liebesgebot des neuen Testamentes in ein anschauliches Bild bringt: Auf einer der beiden Seiten steht geschrieben: Gottesliebe - und auf der anderen Seite steht: Nächstenliebe. Zwei Facetten eines einzigen Gegenstandes also, denn  beide sind  hinterrücks verbunden: Gottesliebe und Nächstenliebe sind eins. An anderer Stelle schreibt Hildegard von der Liebe: „Der Himmel auf Erden ist überall, wo ein Mensch von Liebe zu Gott, zu seinen Mitmenschen und zu sich selbst erfüllt ist.“ Dabei bedeutet Selbstliebe eine ganz grundlegende Einheit der Person, dahinter steht die Integration der eigenen Persönlichkeit in ein einheitsvolles Sein von Gott, Mensch und Welt. Caritas ist Liebe, die kein bloßes Gefühl ist, sondern darin ist eine Kraft des Erkennens enthalten.

 

 

Der Himmel auf Erden

Liebe ein ganz und gar himmlisches Element – Wie kann man aber den Himmel auf Erden verwirklichen?

In einem russischen Märchen werden Himmel und Hölle beschrieben: die Menschen sitzen um einen Topf mit leckerer Suppe und haben Löffel, deren Stiele so lang sind, dass es unmöglich ist, sie zum Mund zu führen. In der Hölle verhungern die Menschen vor vollen Töpfen, während das Bild im Himmel trotz gleicher Situation ein vollkommen anderes ist: Die Menschen reichen die Suppe mithilfe der langen Löffel einfach ihrem Gegenüber. Es sind also nicht die Dinge, die verändert werden müssen, nicht äußere Werke, die getan werden müssen, sondern lediglich eine innere Wendung des Bewusstseins ist erforderlich, um die Welt komplett zu verändern.

 

Der schöpferische Impuls der Liebe

Himmel und Erde unterscheiden sich in ihrem Wesen. Der Himmel auf Erden ist nur möglich, wenn der Mensch tatsächlich über sein irdisches Bewusstsein hinauswächst. Darin sind Beginen die wahren Lehrmeisterinnen. Und auch Franziskus, der hier – in der Darstellung eines chinesischen Künstlers – einem Ast Musik entlockt. Er macht aus nichts etwas. Und das kann nur die Liebe – sie ist schöpferisch.

Sie ist wie eine Quelle reiner Anfang und ist daher ursachenlos, frei und unbedingt - also ‚ohne Warum‘. Ist ‚gratis‘ – umsonst – ein Geschenk.

‚Gratis‘ kommt von ‚charis‘= griechisch für Gnade, Wohlgefallen; auch Dank (‚gratias‘). Geschenk und der dazugehörige Dank - Wort und Antwort – sind hier in einem Begriff enthalten. Die Liebe spricht: „Es werde“ - das, was noch nicht ist. Das, was ist, ist immer schon Vergangenheit. Bei uns auf der Erde heißt es: „Von Nichts kommt nichts“ oder man spricht auch vom „Raumschiff Erde“. Alle Lebensvorgänge auf der Erde sind Verbrennungsvorgänge und die Güter werden irgendwann aufgebraucht sein. Unser Atmen, unsere Ernährung, unsere Fortbewegung – unser ganzes Leben ist ein gigantischer Verbrennungsprozess - ein Verbrauchen von Energie. Und zudem ist all dies auch noch ist eine ewig lange Verkettung von Ursachen und Wirkungen seit dem ‚Urknall‘. Unser irdisches Leben ist tatsächlich eine Welt der Zwecke und Zwänge, also ein ‚um-zu‘ unseres Tätigseins. Alles ist aus einer Ursache hervorgekommen und durch diese bedingt. Und bringt seinerseits wiederum bedingte Wirkungen hervor. Unsere Erde ist die Welt der ursächlichen Bedingtheit, der Zwecke und daher auch des Egoismus. Wenn man die Erde ohne den Himmel ins Auge fasst, dann ist dies das traurige Bild unseres Daseins. ‚Fressen und gefressen-werden‘? Bei genauem Hinschauen ist dieses eine menschliche, vereinfachte Deutung der Natur, die nur unserer Spezies vorbehalten ist.

 

Wie können wir aber dieser Mühle entrinnen und zu der Freiheit gelangen, von der die Beginen in ihren Texten sprechen? Uns aus der Verkettung des Notwendigen lösen und schöpferisch tätig werden? Wie Franziskus aus Nichts Etwas machen? Das ganze irdische Leben ist gewöhnlich aber das Gegenteil des Schöpferischen, es ist ein Verbrauchen des schon Vorhandenen – und es gibt lediglich zwei Ausnahmen bei uns auf der Erde: Das eine ist die Photosynthese, da wird aus Licht organische Substanz gebaut. Die Photosynthese ist darum auch unser aller Lebensgrundlage. Auf Photosynthese beruht unser Atmen, unser Essen, unser Heizen, unser Autofahren…

Die zweite Ausnahme etwas Neues zu schaffen ist die Liebe. Auch da geht es nicht um das was ist, sondern um das, was noch erst werden soll: Weil der Mensch die Möglichkeit zur Photosynthese nicht beherrscht, bleibt ihm nur die Liebe, um etwas zu schaffen, was noch nicht ist. Es ist das ganz Neue. Dieser schöpferische Impuls ist nicht nur in der Musik, in der Kunst oder in der Erkenntnis wirksam, sondern auch in der Nächstenliebe: Der Schwache soll gestärkt werden, der Kranke soll gesund werden, die Kinder sollen gescheit werden und die Welt soll gerechter werden. Der Wille will, dass etwas werde. „Es werde“ – das ist der Ausspruch den die Liebe tut, und gleichzeitig ist es das erste Wort, welches überhaupt gesprochen wurde: „es werde Licht“ – das ist das schöpferische Wort, aus dem die Welt und alles Neue entsteht.

 

Diese schöpferische Dimension, die in der Liebe enthalten ist, trägt in sich die Kraft der freien Tat, weil sie eben stets das Neue schafft, das, was noch nicht ist. Sie gründet sich auf nichts Vergangenem, nur auf der Freiheit, das Neue zu wagen und zu tun. Wie Franziskus, der sich nicht scheut, das Unmögliche möglich zu machen. Er bringt Musik aus dem dürren Ast. Ein schöpferischer Akt kann nur aus der Quelle in der Mitte des Herzens entspringen, wo Liebe ihren ewigen Ursprung hat - Beginen sind schöpferische Menschen. Die helfende, liebende Tat kann nicht aus natürlichen Bedingungen heraus verstanden und getan werden: Jede Liebestat ist im Grunde so unlogisch und unmöglich, wie einen Ton aus einem Ast hervorzubringen, denn es ist ein schöpferischer Akt – immer von seinem Wesen her neu. Daher kann eine solche Tat nicht aus natürlichen, psychologischen oder kulturellen Selbstverständlichkeiten heraus erklärt werden, sondern fordert stets die Bemühung des Einzelnen.

 

Es steht quer zur den Gesetzen der Natur: Die Physik sagt uns: „Da, wo ein Körper ist, kann kein anderer sein.“ – auf dem Stuhl, auf dem ich sitze, kann kein anderer sitzen. Das Gesetz der Liebe behauptet genau das Gegenteil – da wo ich bin, da können doch auch noch andere sein, wir kommunizieren miteinander und bilden eine geistige Gemeinschaft. Von dieser geistigen Gemeinschaft, die wir Menschen im Grunde ‚widernatürlicher‘ Weise sind, die sich unter dem Gesetz der Liebe vollzieht, handelt das gesamte Neue Testament: ‚da, wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich mitten unter ihnen‘. Hier  offenbart sich Gott als die Liebe, und überall dort, wo er anwesend ist – bewusst oder nicht bewusst – da kann sich diese Unmöglichkeit der Liebe und der Kommunion ereignen. Und andersherum: In jedem dieser Ereignisse ist selbige Anwesenheit. Dies kann sich selbstverständlich nur am allerlebendigsten Ort ereignen: Im Herzen.

 

Die Liebe (personifiziert: Christus) ist Mittelpunkt und Kristallisationspunkt der gemeinsamen Welt aller – und bleibt es immer. Diese gemeinsame Welt aller ist eine geistige Welt, in der das Verstehen – gleichbedeutend mit der Liebe – die Einheit und Verbundenheit formt, unter der sich alle, ihrer Vereinzelung entrinnend, treffen können. Das ist mit ‚Himmel auf Erden‘ gemeint - das ‚Reich Gottes‘ wie es im Neuen Testament genannt wird – oder das ‚neue Jerusalem‘. Die gemeinsame Welt.

 

 

Göttliche Anwesenheit in den Werken der Barmherzigkeit

Um das Wesen der selbstlos schenkende Liebe zu verdeutlichen, wird in der Bibel die Geschichte von der Salbung Jesu in Bethanien verwandt: 

Zwei Tage vor der Kreuzigung wird Jesus während eines Gastmahls von einer Frau mit unermesslich teurem Öl gesalbt. Die Jünger beschweren sich über die Verschwendung der Kostbarkeit – man hätte sie doch verkaufen und davon den Armen geben können! Jesus aber weist auf sein bevorstehendes Ende hin und preist die Liebestat der Frau als ein Ereignis, von dem noch lange und in aller Welt erzählt werden würde.

Diese Liebestat hat also Ewigkeitscharakter – und so ist es auch: noch heute, zweitausend Jahre später dient es uns hier als ein Beispiel für Gnadenstrom, der sichtbar wird, der sich ergießt wie das Öl auf dem Haupt Jesu – scheinbar sinnlos verschwenderisch und ohne danach zu fragen, ob es sich lohnt, sich mit allem, was man hat, hinzuschenken. Der aber, dem diese Salbung gilt, hat ein ewiges Wesen, überdauert Vernichtung und Tod – und auch diese Tat hat dadurch ein ewiges Wesen. Sie kann zwar den herannahenden Tod nicht verhindern, das unaufhaltsame Geschehen aber mit dem verbinden, was ewig und unzerstörbar ist – es tritt in dieser ausweglosen Lage nur umso klarer hervor: die absichtslos schenkende Liebe, die dem Tod trotzt.

 

Beginen, die sich der unheilbar Kranken annehmen, die sich denjenigen hinschenken, die dem Tod geweiht sind und von der Gesellschaft abgeschrieben worden sind, handeln aus diesem Antrieb und das ewige Wesen ist darin anwesend. Franziskus und in seiner Folge die Beginen, haben eine Revolution der Liebe gestartet. Sie fragten nicht nach dem ‚Warum‘ oder ‚Woher‘. Keine Kunst und keine Musik, keine Schönheit und auch nicht die Wahrheit – fragt nach dem Warum, all das ist einfach. Ebenso die Liebe: Sie tut einfach. Wie eine Quelle, die fraglos ist in ihrem Hervorkommen.

 

Der Impuls der Beginenbewegung, der eine bedingungslose Solidarität zum Vorschein gebracht hat, entstammt dem Impuls christlicher Nächstenliebe, der im Mittelalter noch zum einheitlichen Weltbild gehörte. Diese Revolution der Liebe ist verklungen, ohne dass sie geschichtliche Relevanz gehabt hätte. Die Entwicklung der Neuzeit hat ein wesentlich uneinheitlicheres kulturelles und gesellschaftliches Gefüge hervorgebracht, und auch der Egoismus ist zu einem Massenphänomen geworden, dem sich der Einzelne kaum noch entziehen kann. 

Lässt sich dennoch eine einheitsvolle Kraft finden, welche die Vereinheitlichung der Menschheit durch die Technik ersetzen kann? Die das Vermögen zur Veränderung - hin zur wirklich gemeinsamen Welt - in sich trägt? Und wenn ja – wer setzt den Anfang?