Tendenzen und Entwicklungen

Neue Entwicklungen im modernen Beginenwesen

 

von Uta-Maria Freckmann (C) März 2019

 

Im September 2007 sind 53 Frauen in den Beginenhof Berlin eingezogen, so konnte man im Internet lesen. Offensichtlich befand sich also eine weitere Beginen-Gemeinschaft in Berlin, zusätzlich zu dem Rostocker Beginen-Kulturverein. Allerdings kam im persönlichen Gespräch mit der Ansprechpartnerin des Beginenwerks heraus, dass sie sich den Namen gegeben hatten, ohne sich zugehörig zu fühlen.

 

"Wir kamen gar nicht auf die Idee, dass wir uns als Beginen fühlen oder so leben sollten, als wir uns seinerzeit so nannten", meinte die Sprecherin des ehemaligen Vereins 'Beginenwerk'. Sie wollten sich nie mit dem Leben der Beginen identifizieren, Spiritualität gehörte nicht zu ihren Lebenskonzepten, denn sie fühlten sich als „freie Frauen“. Sie gaben sich seinerzeit nur den Vereins-Namen, OHNE einen echten Bezug zu dem Leben der Beginen herstellen zu wollen. Der Verein wurde mittlerweile aufgelöst und es wurde sich von der Bezeichnung Beginen distanziert. Eine Wohngemeinschaft haben sie noch immer.

 

In einem langen Gespräch erfuhr ich, dass sie damals Ende der 90er Jahre die Beginen grundsätzlich interessant fanden und gemeinsam circa 19 Beginenhöfe in Flandern besucht hatten, um sich das alles anzusehen. So entdeckten sie in Flandern viele intakte und gut erhaltene Beginenhöfe, die jetzt als Wohnhäuser dienten, als Altersheim fungierten oder in soziale Zufluchtsorte umgewandelt wurden. Manchen Häusern sieht man noch heute den Reichtum der damaligen Bewohnerinnen an, denn nicht alle Beginen-Konvente lebten in Armut, sicherlich eher in Bescheidenheit.

 

Immer wieder fallen diese seltsamen Widersprüche auf: einerseits großes Interesse am Leben und Wirken dieser freien spirituellen Frauen aus dem Mittelalter, andererseits wird die spirituelle Komponente abgespalten, weil sie als „religiös“ empfunden wird. Auch bei diesem Gespräch zeigte sich diese Diskrepanz. Religion von Spiritualität zu unterscheiden ist aber ein wichtiger Aspekt, um das Leben der Beginen besser zu verstehen. Leider sind negative Erfahrungen aus der religiösen Erziehung dermaßen fest in den Köpfen verankert, dass das Kind sehr schnell mit dem Bade ausgeschüttet wird. Gott und die dem Menschen innewohnende Spiritualität werden mit Religion, herrschenden Hierarchien und äußeren Ritualen über einen Kamm geschoren und deshalb pauschal gleich alles abgelehnt. Was aber kann unser Gott dafür, dass Menschen seine liebevolle Lehre verdreht und für erzieherische Maßnahmen missbraucht haben, oder etwa in der Amtskirche Frauen als gleichberechtigte Menschen nicht anerkannt werden? Diese Frage stelle ich mir immer wieder!

 

Es gibt eine sehr umfangreiche wissenschaftliche Recherche über Beginen am Beispiel von Straßburg, man hat darin viele mittelalterliche Belege, Quittungen, Dekrete und päpstliche Verfügungen ausgewertet, um das wahre Leben der Beginen sichtbar zu machen. Vor allem auch, woran diese schöne spirituelle Bewegung schließlich zugrunde gegangen ist, konnte man explizit nachweisen.

 

Zur damaligen Zeit hatten die Frauen zumeist nur die Wahl zwischen Heirat und Eintritt in ein Kloster. Bis dato wurde alles in den kirchlichen Überlieferungen so hingestellt, als ob die Beginen laienhafte Klosterfrauen waren, zumeist kirchenkonform lebten und es kaum Verfolgung durch die Inquisition gab, was nach den Ergebnissen der neuesten Forschungen definitiv nicht der Fall war. Sie waren zwar nicht unbedingt gegen die Kirche, denn der christliche Glaube stand ihnen immer sehr nahe, aber sie standen für eine freie weibliche Spiritualität, jenseits patriarchaler Strukturen, Rituale und männlicher Hierarchien, die die Frauen seinerzeit in eine bestimmte untergeordnete Rolle drängten, in der sie gehorchen und sich unterordnen mussten. Fähigkeiten und Talente konnten sich in einer patriarchalen Atmosphäre der Klöster meistens nicht wirklich entwickeln.

 

Nun gab es über die Jahrhunderte und in diversen Ländern viele verschiedene Konvente mit unterschiedlichen Regeln, so dass man von „den Beginen“ eigentlich nicht sprechen kann. Pauschale Einheitlichkeit bei den Beginen gab es damals nicht, denn die Vorgaben und Regeln der einzelnen Häuser, sowie die über die Jahrhunderte hinweg sich wandelnden äußeren Begebenheiten, änderten sich von Haus zu Haus oder von Land zu Land. Beginen wählten eine Meisterin und hatten ein jährliches Gelöbnis, welches sie ablegten und in dem sie sich mit den häuslichen und spirituellen Regeln einverstanden erklärten. Sie konnten den Hof jederzeit wieder verlassen und heiraten, wovon die wenigsten Gebrauch machten (siehe PDF-Dokument zur Straßburger Beginenverfolgung oder die PDF falsche Nonnen auf der Seite Schriften.

 

Aber diese zwei Standbeine einte sie wohl alle, denn das ist etwas, was dem christlichen Glauben meines Wissens nach als grundlegende Elemente innewohnt: das Streben nach Freundschaft mit Gott - also ein spirituell orientiertes Leben - und das soziale Engagement (Gutes tun und Nächstenliebe).

 

Die Leiterin des ehemaligen Berliner Vereins war 2002 dabei gewesen, als sich alle Beginen-Gemeinschaften erstmalig trafen um zu beraten, ob es einen Dachverband der Beginen geben sollte. Sie selbst sprach sich dagegen aus und plädierte eher für einen freien Austausch, wo ein jeder Beginenhof sich vorstellen konnte und von sich reihum berichten sollte. Dies vor allem deshalb, damit keine neue Organisation daraus entsteht. Offenbar fand ihr Vorschlag keinen Anklang, denn der Dachverband der Beginen ist bekanntlich seinerzeit gegründet worden.

 

Die Beginen in Berlin gibt es also nicht länger, bzw. möchten die Bewohner dieser Wohngemeinschaft nicht mehr mit dieser Bewegung in Verbindung gebracht werden. Dies ist allerdings ein Phänomen, welches ich in den letzten Tagen öfter erlebt habe während meiner Recherche. Ehemalige "Beginenhöfe" oder "Wohn-Beginen" nehmen Abstand von der Bezeichnung "Beginen", weil sie sich mit einem spirituell orientierten (vermeintlich religiösem) Leben nicht identifizieren können.

 

Zurzeit gibt es in der Wohn-Beginen-Bewegung alle möglichen Tendenzen, von schamanischen Bestrebungen mit Trommelrhythmen und Kreistänzen (Raunächte feiern usw.), bis hin zu Yoga, Wellness und Meditations-Kursen. Was dabei oft fehlt ist der Glaube an und das Leben für Gott, welches das Fundament der historischen Beginen-Bewegung darstellte. Das schließt keinesfalls die einzelnen religiösen Richtungen aus.

 

Es scheint so, als würde sich jetzt alles neu sortieren, als könne nicht mehr von jeder Frau die Bezeichnung „Beginen“ benutzt werden, wenn sie nicht wirklich zu dieser Bewegung gehört. Es sieht tatsächlich so aus, als ob diese mehr als 900 Jahre alte, freie und spirituelle Frauen-Bewegung ihre ursprünglichen Werte und Grundfeste nach einer experimentellen Neufindungsphase zurückerhält und diejenigen, die sich den Namen "einfach so" gegeben haben, sich zunehmend unwohl damit fühlen.

 

Mir persönlich gefällt das sehr gut, ebenso meinen Mit-Beginen von Phoenix-Netzwerk und dem Beginenhof Nordhastedt. Wir sind sehr gespannt, wie die Entwicklung weitergeht!

 

Uta-Maria Freckmann

3-2019